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Titel
Renaturierung Aaredelta Hagneck Autor/in Peter Steiger veröffentlicht Oktober 2026 (NaturGarten 06) © NaturGarten Schweiz 2026 |
Nach hundert Jahren Laufzeit waren die technischen Anlagen veraltet und ein neues Konzessionsgesuch, welches auch Umwelt- und Naturschutzanliegen berücksichtigt, musste eingereicht werden. Ein erstes Gesuch wurde 2004, auch aus Denkmalschutzgründen zurückgewiesen, da die alte Wehranlage als schützenswert galt. Allerdings zeigte sich, dass das Wehr in den Fundamenten unterhöhlt war und deshalb aus dem Schutz entlassen werden musste. Ein zweites Konzessionsgesuch mit einem Kraftwerkneubau im Hauptkanal, der Renovation des historischen Kraftwerks mit einem Nebenkraftwerk und dem renaturierten Unterwasserkanal wurde 2007 mit umfangreichen Auflagen bewilligt. Der Neubau erfolgte zwischen 2011 und 2015. Das Luftbild zeigt links das alte Kraftwerk (Restbetrieb mit 20% Leistung zur Durchströmung des neu gestalteten Unterwasserkanals), rechts der Kraftwerkneubau, dazwischen der, in umfangreiche Magerwiesen eingebettete, vierteilige Fischaufstieg mit einer mittigen, zusätzlichen Wasserspeisung. Am unteren Bildrand ist der verbleibende, eschen- und pappelreiche Auenwald der Deltahalbinsel zu erkennen, die sich in den letzten hundert Jahren durch Auflandung gebildet hat.
Als freier Mitarbeiter des technischen Umweltbüros PRONA AG in Biel konnte ich als Fachexperte für Naturschutz, Botanik und Umgebungsgestaltung im Auftrag der Berner Kraftwerke (BKW) den gesamten Planungsprozess von der Umweltverträglichkeitsprüfung mit sieben Varianten in fünf Jahren, der Umweltbaubegleitung und schliesslich der Erfolgskontrolle der umgesetzten Naturschutzmassnahmen aktiv begleiten. Für alle fischbezogenen Baumassnahmen war das Büro WFN Wasser Fisch Natur von Arthur Kirchhofer in Bern verantwortlich. Nachdem die Frage der notwendigen und wirtschaftlich relevanten Restwasserfrage zwischen BKW, BAFU, Kantonalen Fachstellen und Naturschutzorganisationen geklärt war, konnten im dialogischen Prozess viele, gegenüber dem vorherigen Zustand aus Naturschutzsicht relevante Verbesserungen erzielt werden. Innovativer Fischpass Da zwei Zugangskanäle (Neues und Altes Kraftwerk) zu bedienen waren, gestaltete sich die Konstruktion des neuen, naturnahen Fischpasses über eine Fallhöhe von neun Metern recht aufwändig und war nur durch eine zusätzliche, mittige Wasserspeisung zu realisieren. Dass dieses Zusatzwasser mit einer Kleinturbine zusätzlich zur Stromproduktion mitgenutzt werden konnte, erwies sich bei der Umsetzung als Glücksfall. Die Fischpassanlage entsprach den damals neuesten Forschungsergebnissen und gilt bis heute als Vorbild. Eine Zählkammer (Bild) ermöglicht erstmals die gezielte Kontrolle der den Fischaufstieg nutzenden Fische. Es sind bis heute 27 Arten erfasst worden, darunter auch stark bedrohte Arten wie Flussneunauge, Barbe und Strömer. Mehrere seltene Fischarten nutzen die kiesigen, sauerstoffreichen Fischaufstiege auch als Lebensraum. Als Fischabstiege dienen tunnelartige Röhren mit stärkerem Gefälle. Weitere Angaben können der auf dem Internet einsehbaren «Wirkungskontrolle Fischaufstieg/Erneuerung Kraftwerk Hagneck» entnommen werden. Renaturierter Unterwasserkanal Aus Sicht der Renaturierung ist der bedeutendste, neugestaltete Lebensraum der neue Unterwasserkanal. Wo früher ein 400 Meter langer, von Steinblockwurf eingefasster Kanal mit Bootsliegeplätzen schnurgerade seewärts verlief, erstreckt sich heute ein breites, flaches Becken mit Wasserläufen, Nebenbecken, Inseln und Auenpionierstadien. Erklärtes Ziel war es, möglichst viel Fläche in den dynamischen Bereich der, allerdings durch das Stauwehr Port künstlich beeinflussten, Seespiegelschwankungen und Ausströmung aus dem Kraftwerk zu bringen. Damit soll dem in der Schweiz stark bedrohten Lebensraum Flussaue mit natürlicher Dynamik möglichst viel Raum verschafft werden. Die nackten, kiesigen Pionierinseln bieten Lebensraum für bedrohte Arten wie Flussuferläufer, Braunes Zyperngras oder Hunds-Braunwurz. Elemente der Sumpfvegetation, wie die bedrohte Zyperngras-Segge, können Fuss fassen, ein pappelreicher Pionierwald entwickelt sich zu einem neu entstehenden Weichholz-Auenwald, die prächtige gefärbte Gebänderte Prachtlibelle ist ein Zeiger naturnaher Fliessgewässer. Leicht erhöhte, seitliche Ränder sorgen dafür, dass sich die Flussdynamik bei Hochwasser nicht in die benachbarten, ebenfalls hochgradig schutzwürdigen Riedwiesen verlagert. Trockene Magerwiesen Auf dem Luftbild gut erkennbar sind die schütteren, rechts und links des neuen Kraftwerkbaus liegenden, grossflächigen Magerwiesen, die sich auf den kiesreichen und humusarmen Standorten prächtig entwickeln, akzentuiert durch Eichen- und Gebüschgruppen, in denen die für die Flussauen der Berner Aare kennzeichnende Zimt-Rose (Rosa majalis) eine wichtige Rolle spielt. Deltainsel Schon während der Planung hat sich ein in der Schweiz seltener Vorgang, die Geburt einer neuen Insel, vor dem Hauptkanal abgezeichnet. Durch Strömungsunterschiede, entstand auf einer Untiefe natürlicherweise eine Kiesinsel, die sich heute so hoch aus dem Wasser erhebt, dass ein natürlicher Auenwaldbewuchs einsetzt. Besonders interessant sind die im Bereich der Flutschwankungen entstehenden Spülsäume und Schlammfluren, ein in der Schweiz extrem seltener und bedrohter, stets nur kleinflächig auf wenigen Quadratmetern vorhandener Lebensraum. Auf der Deltainsel erscheint zeitweise sowohl die unscheinbare Zwergbinsenflur (Nanocyperion) wie auch die wüchsigere Zweizahnflur (Bidention) mit dem hübschen, spätsommerlich blühenden Nickenden Zweizahn (Bidens cernua). Wegen dem unkontrollierten Zugang für Bootstouristen mit häufigen Störungen hat die Deltainsel allerdings kaum Potential als Brutinsel für Wasservögel. Dank den klaren gesetzlichen Vorgaben, die bei der Neukonzessionierung von Kraftwerken Renaturierungen mit genügend Restwasser vorschreiben, wurde an der Hagneck-Mündung ein Projekt realisiert, das auch Umweltverbänden regelmässig als gutes Beispiel dient. Direkt am nationalen Veloweg gelegen, können das Besucherzentrum des Kraftwerks und die Aussichtsplattform ganzjährig (Mo-Sa) besucht werden. |
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